Bericht

11. September 2012

Trauma: Heilt die Zeit alle Wunden?

Unterstützung für Menschen, die durch große Katastrophen oder problematische Bindungen während der Kindheit traumatisiert sind

 

Es gibt Ereignisse, die sind zu groß, zu katastrophal, um sie alleine bewältigen zu können. Eines dieser Traumata ist der 11. September, an dem Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers und das Pentagon rasten. „Ein Ereignis wie der 11. September ist ein kollektives Trauma. Es betrifft nicht nur eine Person, sondern viele Menschen“, erklärt Psychologe Dr. Wolfgang Schröder gegenüber Marie Rompf, Reporterin der Multimedia-Redaktion der EKHN. Der Leiter des Evangelischen Zentrums für Beratung in Höchst in Frankfurt am Main weist aber auch darauf hin, dass nicht nur Unfälle, Kriege und Naturkatastrophen ihre Spuren in den Seelen der Menschen hinterlassen. Auch ein belastender Alltag könne bei manchen Erwachsenen und Kinder zu einem Trauma führen - beispielsweise wenn Kinder unter dem Trauma der Eltern litten oder von seelischem und/oder sexuellen Missbrauch betroffen seien. Können die Wunden eines kollektiven und eines individuellen Traumas je verheilen? Wolfgang Schröder macht deutlich: „Es gibt Menschen, die ein Leben lang mit bestimmten Ereignissen beschäftigt sind. Also: Zeit heilt nicht alle Wunden!“

Mit Selbsthilfe, gemeinsamen Ritualen und professioneller Hilfen lassen sich kollektive Traumata bewältigen

Wiesbadener Dekan berichtet von seinen Eindrücken aus den USA:

Von 2004 bis 2011 war Dr. Martin Mencke, Evangelischen Kirche Wiesbaden,  Pastor der Deutschen Evangelischen Kirchengemeinde Washington D.C.. Nach den Anschlägen des 11. September hatte er die Gelegenheit, mit den Menschen in den USA zu sprechen - und sie haben ihm von ihren Ängsten und ihrer Zuversicht erzählt. Seine Erlebnisse und Einschätzungen können Sie hier hören:

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Der Psychologe berichtet, dass viele Menschen nach einem traumatischen Ereignis zunächst einmal versuchen, sich selbst helfen, um Entspannung zu bekommen. Viele kämen damit auch gut zurecht. Zudem unterstützen typische Verarbeitungsformen eines kollektiven  Traumas wie dem 11. September, die Katastrophe zu verarbeiten, dazu gehören Gedenktage und Reden. Doch manche Menschen bemerken nach einiger Zeit, dass dies nicht ausreiche. „Im Gegenteil – die Schwierigkeiten werden größer - wie Ängste, Schlafstörungen und Unbehagen an der eigenen Person“, beschreibt Schröder einige Symptome von posttraumatischen Belastungsstörungen. Kann er diesen Menschen helfen? „Wenn die Schwierigkeiten anhalten, ist professionelle Hilfe neben der kollektiven Verarbeitung sinnvoll“, unterstreicht der Psychologe. Er macht aber auch klar: „Auch wir können Traumata nicht ungeschehen machen in unserer Arbeit. Aber wir können die Erinnerungen lindern.“

Evangelische Beratungsstellen bieten Hilfe für Betroffene

Menschen, die ausschließlich von individuellen Traumata betroffen seien, stehen vor einer besonderen Herausforderung – da diese teilweise schwerer zu bewältigen seien. Denn: Die gemeinsame Trauer und Unterstützung durch andere Betroffene fehlt. Ansprechpartner lassen sich allerdings in den psychologischen Beratungsstellen von Kirche und Diakonie finden. Der Psychologe beschreibt das Angebot: „Wir bieten einen geschützten und beruflich professionellen Rahmen.“

Versteckte Katastrophen im Alltag: Individuelle Traumatisierungen

Kinder oder junge Erwachsene kämen oft erst nach einem hinreichenden Leidensdruck in die Beratung. Der Psychologe erklärt: „Ein Kind wird eine traumatische Situation erst einmal als gegeben hinnehmen oder sich sogar aufgewertet fühlen, dass es von den Eltern so sehr akzeptiert wird, dass diese ihre Probleme anvertrauen.“ Dieses Problem nennt sich Parentifizierung – wenn Kinder plötzlich die Elternrolle übernehmen müssen, weil Mutter oder Vater unter einem Trauma leiden. „Dies führt oft in der Pubertät zu einer Krise – dann wollen die Kinder nicht mehr abhängig sein von den Eltern. Sie fühlen sich eingeschränkt, man kann sogar sagen: missbraucht.“ Schröder weiß aber auch, dass es oftmals noch länger dauert, bis sich die Söhne oder Töchter loseisen können: „Wenn die 'Kinder' später selbst Kinder bekommen, selbst Mutter oder Vater werden, dann merken sie oft erst, in welch problematischen Verhältnis sie zu ihren eigenen Eltern stehen.“

Hinschauen und einfühlsam handeln

Wenn sich in der Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft Familien mit deutlichen Problemen finden, dann sollte man hinschauen, empfiehlt Schröder. Er rät: „Wichtig ist es, die betroffene Familie erst einmal anzusprechen und zu schauen, ob sie zugänglich ist. In vielen Fällen hilft das schon.“ Wenn dies aber nicht ausreiche, sollte über eine Information an das Jugendamt nachgedacht werden. Hier sei allerdings Vorsicht geboten. „Das sollte nicht überstürzt passieren, erst einmal muss eingeschätzt werden, was genau in der Familie los ist und wie akut es ist. Das Jugendamt zu informieren, ist ein schwerer und harter Schritt, den sollte man nicht leichtfertig gehen.“


[Marie-Therese Rompf, Rita Deschner]